Freitag, 1. Februar 2013

Der Kräutergarten in Ottobeuren




Vom Parkplatz der Basilika Ottobeuren aus deutet ein Wegweiser neben der großen Infotafel in Richtung „Pfarrheim St. Michael, Kräutergarten“. Mit wenigen Schritten erreicht der Besucher einen schönen kleinen Garten, hinter dem sich die Türme der Basilia wie zum Schutz erheben.
Hier sollte nach Wunsch der Planer ein Ort geschaffen werden, an dem sich „Göttliches und Irdisches zum Wohl der Menschen miteinander verbinden“. Der Garten soll „den Reichtum von Gottes Schöpfung mit allen Sinnen erfahrbar machen, durch Betrachten, Fühlen, Schmecken und Riechen“. Hier sollte ein Stück vom Paradies spürbar werden, ein besonderer Ort wo der Besucher Freude, Entspannung und Besinnung finden kann.




Das Konzept ist aufgegangen, denn hier kann man sich sowohl der Ruhe und Kontemplation hingeben, als auch vieles über Pflanzen erfahren, die in der Geschichte der Garten- und der Heilkunst eine große Rolle spielten.
Friedel Wille, die „geistige Mutter“ des Projektes, erklärt den Hintergrund zu diesem Gemeinschaftsprojekt. Sie hat sich eingehend mit der Geschichte der Gartenkultur in Deutschland befasst. Es waren Mönche, die etwa im siebten Jahrhundert nach Christus die Gartenkultur aus Italien in das wilde Germanien brachten. In der Regula „Ora et Labora“ des heiligen Benedikt hatte der Gartenbau eine Schlüsselrolle zur Selbstversorgung der Klostergemeinschaft. Wohin sollte solch ein Garten also besser passen als in die Nähe der Benediktinerabtei Ottobeuren mit ihrer fast 1250-jährigen Tradition?

Eine als Strauch gezogene 'New Dawn' steht im Mittelpunkt des Gartens

Ein öffentlicher Garten als Gemeinschaftsprojekt


Die Initiative ging von einigen Mitgliedern des Bund Naturschutz aus, die am Anfang mit ihrer Begeisterung für das Projekt nach und nach den Frauenbund, den Kneippverein, den Pfarrgemeinderat und die Landjugend überzeugen und in das Projekt einbinden konnten. Viel Ausdauer von Seiten der Initiatoren war nötig, um ihre Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Dr. Eleonore Hohenberger, prominente Expertin in Sachen Kräutergärten, begleitete das Projekt mit großer Sympathie. Vier Jahre dauerten die Vorarbeiten von der Idee bis zur feierlichen Eröffnung am 13. Juli 2003. Vorbild für die Anlage waren die Pläne der alten Klostergärten mit ihrer klaren Geometrie.  
Der Baumeister der Anlage ist Wendelin Schindele, der von der Anlage der Beete über die Einfassungen mit den alten Backsteinen vom Bahnhof, bis zum Brunnen, der Regenwasser aus der Tiefe zum Gießen heraufholt, vieles mit eigenen Händen in ungezählten Arbeitsstunden errichtet hat.
Inhaltlich greift der Kräutergarten Ottobeuren verschiedene Themen der Gartengeschichte auf, die in einzelnen Beeten dargestellt werden.  


Das „Hortulus – Beet


Samenstand des Diptam 
Das Hortulus-Beet des Ottobeurer Gartens wird von der Ortsgruppe Naturschutz betreut. Es ist dem Benediktinerabt Walahfried Strabo gewidmet, der im neunten Jahrhundert auf der Insel Reichenau wirkte und dort einen Garten anlegte. Sein Garten war in erster Linie ein Apothekergarten, in dem 24 verschiedene Pflanzen in ebenso vielen Beeten wuchsen. Diese beschreibt er in seinem berühmten Gedicht „De cultura hortorum“, kurz „Hortulus“, einem der wichtigsten frühen Dokumente der Gartengeschichte in Deutschland.

Alant im Hortulus-Beet
Kurios klingt die Indikation von Andorn, von Strabo als „Gegenmittel gegen Gift, das Schwiegermütter feindselig bereiten“ gepriesen wird. Der Heilziest (Stachys officinalis) sei „gegen jede Not, die den Körper innerlich angreift“, die Eberraute (Artemisia abrotanum) habe „so viele Kräfte wie haarfeine Blätter“. Der Muskatellersalbei wurde im Mittelalter zum Würzen des Weins verwendet, die Schwertlilie (Iris germanica) war sowohl Heil- als auch Zierpflanze und fand in den Klostergärten Verwendung als Altarschmuck. Zusätzlich zu den im Hortulus erwähnten Pflanzen sind auch andere in der Antike und im Mittelalter populäre Heilkräuter zu sehen. Besonderes prächtig entwickelt sich der Diptam, der in der Ernährungstherapie nach Hildegard von Bingen als Pulver gegen Arteriosklerose und erhöhte Blutfettwerte eingesetzt wird. Der Ysop wurde schon von den alten Römern verwendet, der Rote Sonnenhut (Echinacea) und die leberstärkende Mariendistel sind bis heute bewährte Mittel der Pflanzenheilkunde. Imposant ist der bis zu zwei Meter hoch wachsende Alant (Inula helenium), der schon in der Antike als Heil- und Gewürzpflanze verwendet wurde.


Die Pflanzen der Bibel
Lein im Bibel-Beet 
Dieses Beet wird von engagierten Mitgliedern der Pfarrei gepflegt. Nicht alle der rund 70 Pflanzen der Bibel sind hier dauerhaft ausgepflanzt, denn viele von ihnen wie der Granatapfel und der Olivenbaum sind hier nicht winterhart. Der Weinstock hingegen hat sich gut etabliert. Zu den einzelnen Pflanzen ist die entsprechende Bibelstelle herausgesucht und aufgeschrieben. „Mitten in der Wüste lasse ich schattenspendende Bäume wachsen: Wacholder, Myrten, Zedern und Buchsstrauch“ (Jes.41/19) liest man neben dem Buchs. Auch unbekanntere biblische Gewächse sind dabei. „Elisa setzte sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Aber ein Engel sagte ‚steh auf und iss. Du hast einen weiten Weg vor dir" (I. Kor. 19 4-7)“ steht beim Ginsterbusch. Dass auch der Lein und die Gurke, der Mohn und die Malve in der Bibel zu den „Bibelpflanzen“ zählen erfährt man auf diesem Beet.



Das Rosenbeet
Es folgt ein eigenes Rosenbeet, das wiederum vom Bund Naturschutz betreut wird. Die Sortenauswahl wurde meist nach Namen mit einem passenden Bezug getroffen, so finden sich hier zum Beispiel Sebastian Kneipp, Aachener Dom, Schwarze Madonna, Gruß an Bayern, Rosa Montana und Rosa Virgo. Als Begleiter stehen dazwischen Schmuckpflanzen, die sich gut mit Rosen vertragen wie Lavendel, Frauenmantel, Ehrenpreis und das dekorative Lampenputzergras.


Strauchrose 'Sebastian Kneipp' im Kräutergarten Ottobeuren



Die Früchte des Feldes
Als nächstes folgt die Abteilung mit dem Titel „Feldfrüchte“, während der letzten Jahre auch  in der Obhut von Wendelin Schindele. Die Bepflanzung wechselt, einige Jahre lang standen dort verschiedene Getreidesorten, dann einmal Gründüngungspflanzen wie Inkarnatklee, Phacelia und Buchweizen. Auch Kornblumen, Klatschmohn und Kamille, früher typische Begleitpflanzen in Getreidefeldern, haben auf diesem Beet ihren Platz gefunden.
Das Kneipp-Beet
Das Beet mit den typischen Kneipp-Heilpflanzen wird von Mitgliedern des Kneippvereins gepflegt. Es zeigt die ganze Vielfalt aus der „Apotheke Gottes“ mit denen sich  Pfarrer Kneipp in seiner Gesundheitslehre befasste. Dort finden sich neben anderen zum Beispiel Arnika, Baldrian, Johanniskraut, Walderdbeeren, Kamille, Thymian, Pfefferminze (Mentha piperita) und Ringelblume (Calendula officinalis). Der Geburtsort des berühmten Pfarrers liegt nur sechs Kilometer entfernt in dem kleinen Ort Stephansried.
Das Selbstversorgerbeet
Der Frauenbund hat sich mit viel Sachverstand des Themas „Bäuerlicher Hausgarten zur Selbstversorgung“ angenommen. Hier sind die Pflanzen versammelt, die traditionell in den ländlichen Bauerngärten angebaut werden. Die anfängliche Skepsis im Frauenbund war bald überwunden und machte einer großen Experimentierfreude Platz. Begeisterung weckte etwa der Anbau der „Monstranzbohnen“ mit ihrer charakteristischen Zeichnung.Wie man sie verwendet, kann man in dem Rezeptband „D’schwäbisch Kuche“ nachlesen, verfasst von Leonard Lidel und dem Pater Ägidius Kolb aus dem Ottobeurer Kloster.

Treffpunkt der Generationen

So groß die Vielfalt ist, in der es im Kräutergarten wächst und gedeiht, so unterschiedlich sind die Menschen, die sich dem Kräutergarten widmen und ihn besuchen.
Für die Senioren der Begegnungsstätte St. Elisabeth in unmittelbarer Nachbarschaft und des wenige hundert Meter weiter gelegenen St. Josefsspitals dient der Garten als beliebtes Ziel für einen kleinen Ausflug. Um den Besuch mit Rollatoren oder für Rollstuhlfahrer zu erleichtern, werden die Wege mit einem entsprechenden Belag befestigt. Bänke laden zur Ruhe und zum Verweilen ein.
Zwei Kindergruppen des Bund Naturschutz, die „Marienkäfer“ und die „Füchse“ sind mit ihren Leiterinnen Martina Hühner, Iris Schäck und Sarah Scharpf auch regelmäßig in dem Garten aktiv. So geht es manchmal laut und fröhlich zu, wenn die Kinder ihre bunten Beete mit viel Fantasie und Kreativität gestalten. Zu dem Bereich der Kindergruppen gehört auch das „Insektenhotel“.An sonnigen, warmen Tagen herrscht dort ein reges Treiben und manchmal dauert es eine Weile, bis eine Wildbiene die passende Unterkunft für ihren Nachwuchs gefunden hat.

Programm für Besucher
Für die Gäste der Jugendherberge in Ottobeuren werden „Kräutereien“ im erlebnispädagogischen Programm angeboten.
Führungen zur Geschichte und zur Bedeutung des  Kräutergartens können über das Touristikamt im Haus des Gastes gebucht werden.

Übrigens: wer die kleine Truppe der fleißigen Gärtnerinnen vor Ort bei ihrem wöchentlichen Einsatz verstärken will, ist gerne willkommen! Der Kontakt zur Ortsgruppe Bund Naturschutz kann über das Touristikamt im Haus des Gastes hergestellt werden.






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