Montag, 28. Januar 2013

Duft- und Kräutergarten im Kurpark Bad Wörishofen


Schon zu Lebzeiten des berühmten „Wasserdoktors“ Pfarrer Kneipp, der von 1855 an bis zu seinem Tod im Jahr 1897 in Bad Wörishofen lebte und arbeitete, wurde für die Kurgäste 1894 im Westen der Stadt auf den Lehmfeldern einer alten Ziegelei der Kurpark mit Spazierwegen und Ruhebänken angelegt. Die ganzheitliche Gesundheitslehre von Pfarrer Kneipp umfasst neben Wasseranwendungen und Heilkräutern und der Ernährungslehre schließlich ja  auch die Wichtigkeit von Bewegung und Lebensharmonie, die sich in einem Kurpark aufs Angenehmste verbinden lassen.
Der Park wurde bis heute ständig erweitert und hat inzwischen eine Fläche von 163.000 Quadratmetern.
Der größte Publikumsmagnet der Anlage ist die Rosensammlung, wo zur Hauptblütezeit über 6000 Rosenstöcke in mehr als 650 Sorten ihre Pracht entfalten. Das oberhalb der Tennisplätze gelegene, gepflegte Hotel Restaurant „Österreich“ lädt zu einer entspannenden Kaffeepause oder einem feinen Essen ein und ermöglicht sogar eine Übernachtung mitten im Park.
Besucher, die am Parkplatz an der Mindelheimer Straße parken und den Kurpark an seiner Nord/westlichen Kante betreten, erreichen nach der „Tautretwiese“ gleich den Aroma- und Duftgarten, der zum 100sten Todestag Sebastian Kneipps im Jahr 1997 eröffnet wurde.
Gleich daneben in westlicher Richtung befinden sich die nach historischem Motto gestalteten Heilkräutergärten, die 1999 nach Plänen der „Gruppe 2“, eines in Illertissen ansässigen Büros für Garten- und Landschaftsplanung angelegt wurden.  

Der Duftgarten

Hosta Plantaginea 'Royal Standart'

„Den Pflanzen, welche durch ihnen vom Schöpfer angehängten Riechfläschchen den würzigen Heilduft  sich uns selbst ankündigen und freundlich zuvorkommend stellen, wollen wir fleißig nachgehen“ empfahl Pfarrer Kneipp.

Dieser Aufforderung kommt man hier gern nach. Hier ist die Anregung aller Sinne erwünscht, die Pflanzen dürfen berührt und auch gekostet werden. Entlang schmaler, geschlungener Pfade kann sich der Besucher durch den 3.5000 Quadratmeter großen Duftgarten schnuppern und über 250 verschiedene Duftpflanzenarten kennen lernen. Natürlich sind diese Wege so gestaltet, dass sich auch gehbehinderte Personen dort barrierefrei bewegen können.
Der Plan am Eingang des Duftgartens verheißt viele interessante Ansichten. Auf Rosenbögen und –beete, einen Lavendelhügel, ein Fliedergebüsch, eine Duft- und Aromapflanzengalerie und auch einer Sammlung von „Stinker Pflanzen“ ist man beim Besuch eines Duftgartens wohl vorbereitet.
Ein im Plan verzeichneter Scheinwaldmeisterteppich, eine Wasserminzenwiese, eine Duftschneeballgruppe, eine Zaubernussgruppe ein Süßdoldensaum und weitere aufgeführte Pflanzungen machen neugierig auf eine Entdeckungsreise ins Reich der Duftpflanzen. Natürlich sind nicht alle gleichzeitig als solche zu erfahren.

Blütendüfte zu (fast) allen Jahreszeiten
Lebkuchenbaum 
Die nach Limonen duftenden, schwefelgelben Blüten der Hamamelis ‚Pallida’ blühen wie ihr Volksname „Lichtmess Zaubernuss“ nahelegt schon vor dem Frühling, von Januar bis Februar. Die Blätter des „Kuchenbaums“ (Cercidiphyllum japonicum ) hingegen riechen erst im Spätherbst bei feuchtem Wetter kurz vor und nach dem Fallen nach Lebkuchen oder Karamell. Der würzig-fruchtige Duft der Bleichen Schwertlilie (Iris pallida) und der berauschend intensive, süß-würzige Veilchenduft des Goldlacks lassen sich sich nur zur Blütezeit Ende Mai bis Juni genießen, für den stark honigartigen Duft des Purpurdostes (Eupatorium fistulosum) kommt man im September und Oktober zu rechten Zeit.  
Im frühen Herbst hat die japanische Zierquitte (Chaenomeles japonica) zwar schon schöne Früchte angesetzt, ihr Duft entfaltet sich aber erst wenn diese goldgelb und reif geworden sind. Im frühen Herbst sind aber noch viele Düfte zu erleben: Staudenphlox, Monarden, das echte Seifenkraut (Saponaria officinalis), der Steppensalbei (Salvia nemorosa), Rosen-Waldmeister (Phuopsis stylosa), Zwergastilben und Weißer China-Beifuß (Artemisia lactiflora ‚Guizho’) mit ihren duftenden Blüten stehen immer noch oder aber gerade erst in Blüte. Auch die Lilien-Funkie (Hosta Plantaginea-Hybride) ‚Royal Standard’ zeigt, dass manche Hostasorten nicht nur dekorative Blattpflanzen sind, sondern auch attraktive Blüten und einen angenehmen Duft zu bieten haben.

Blattdufter für die ganze Saison
Dann gibt es noch die Blattdufter wie das Mutterkraut (Tanacetum parthenium), das im Mittelalter gegen Kopfschmerzen und Fieber eingesetzt wurde, den Woll-Ziest (Stachys byzantina), die Gemeine Schafgarbe (Achillea millefolium), die Eberraute (Artemisia abrotanum), Wermut, viele verschiedene Minzen und andere Kräuter, deren Blätter ihren würzigen Geruch meist erst nach dem Zerreiben zwischen den Fingern freigeben.
Hat man sich durch den Garten geschnuppert und geforscht, so führt der Weg weiter
zu den Heilkräutergärten.

Die Heilkräutergärten – eine Reise von der Neuzeit bis ins frühe Mittelalter

Die drei Kräutergärten repräsentieren die geschichtliche Entwicklung der Anwendung von Pflanzen als Heilmittel vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit zur Kräutermedizin von Pfarrer Kneipp.

Vom Duftgarten kommend, betritt man zunächst den Kneippgarten, in dem die Kräuter je nach Anwendungsbereich in Beete aufgepflanzt sind. Im Bereich „Blase/Niere“ kann man zum Beispiel sehen, wie die als „Uva ursi“ in Blasentees enthaltenen Blätter der immergrünen Bärentraube in natura aussehen. Auch die Berberitze (Berberis vulgaris) und die wohl jedem bekannte große Brennnessel sind in diesem Bereich zu finden. Interessant ist, dass die meisten von Kneipp in seinem 1866 erschienenen Werk „Meine Wasserkur“ beschriebenen Heilkräuter inzwischen in ihrer Wirkung wissenschaftlich bestätigt worden sind und auch heute noch in der Phytotherapie verwendet werden. Das Buch von Kneipp ist heute noch erhältlich, nicht nur ein früher Bestseller, sondern auch ein immer noch aktueller Dauerbrenner.

Reifende Berberitzenfrüchte

Der nächste Garten ist dem Arzt und Botaniker Leonard Fuchs gewidmet, der als Professor für Medizin an der Universität von Tübingen wirkte. In seinem 1543 erschienenen Werk „New Kreuterbuch“ fasste er den Stand der medizinisch-botanischen Wissenschaft von der Antike bis in die Renaissance zusammen.
Die Beschreibung dieses gewaltigen Standartwerkes der damaligen Zeit liest sich ganz ähnlich wie die Verlagsbeschreibungen heutiger Veröffentlichungen nach dem Motto „Alles über..“
New Kreuterbuch / in welchem nit allein die gantz histori / das ist / namen / gestalt / statt und zeit der wachsung / natur / krafft und würckung / des meysten theyls der Kreuter so in Teutschen unnd andern Landen wachsen / mit dem besten vleiß beschrieben / sonder auch allerderselben wurtzel / stengel / bletter / blümen / samen / frücht / und in summa die gantze gestalt / allso artlich und kunstlich abgebildet ... ist.“ In mehr als 500 Holzschnitten sind die verschiedenen Pflanzen abgebildet.
Das „New Kreuerbuch“ ist als Nachdruck antiquarisch über das ZVAB (Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher) ab 85.- Euro zu bekommen. Die Stadtbibliothek Ulm hat ihr kostbares Originalexemplar „Ex Bibliotheca Leonhardi Fuchsiie“ komplett online gestellt. Unter dem Link http://www.ulm.de/buecher/lfnkb1543/  ist das ganze Werk vom Einband bis zur Seite 894 zu bewundern. Auf Seite sechs ist der Autor in prächtigem Gewand abgebildet, auf der Seite 890 macht man sogar die Bekanntschaft der Maler (Illustratoren) Heinrich Füllmauer und Albert Meyer und des Formschneiders (Holzschneiders) Veit Rudolph Speckle, deren detailgenaue Holzschnitte das Buch illustrieren. „Getruckt zu Basell durch Michael Isengrin 1543“ ist es eines der frühesten gedruckten Bücher, in denen die Porträts der Illustratoren abgebildet wurden.

Hamamelis - die Zaubernuss

Der Fuchs-Garten ist in der streng geometrischen Form der Renaissancegärten angelegt, mit einem Brunnen in der Mitte und der im Mittelalter als Gartenmöbel beliebten Rasen- oder Kräuterbank. Deren Benutzung empfiehlt sich natürlich nur bei trockenem Wetter!
Die vier Beete um den Brunnen sind in die Bereiche Zierpflanzen, Giftpflanzen, Kräuter und Gemüse aufgeteilt.

Der Strabo-Garten
Weiter geht es von dort in die Gartenwelt des frühen Mittelalters. Walahfrid Strabo, der etwa von 809 bis 849 lebte und Abt des Benediktinerklosters auf der Reichenau war, hat mit seinem Lehrgedicht „Hortulus“ eine der ältesten erhaltenen gartenhistorischen Quellen des deutschen Sprachraums geschaffen, das er in lateinischer Sprache verfasste. Sein „Buch der Gartenkultur (Liber de cultura hortorum) beschreibt 24 verschiedene Pflanzen aus den Bereichen Heilkräuter, Küchenpflanzen und Zierpflanzen, die auch im Garten des Klosters angebaut wurden. An Hand dieser Schrift lässt sich der Garten mit seiner klaren Einteilung in Beete für jede einzelne Pflanze recht verlässlich rekonstruieren.
An erster Stelle steht bei Strabo der Salbei, „leuchtend blühet Salbei ganz vorn am Eingang des Gartens, süß von Geruch, voll wirkender Kräfte und heilsam zu trinken“ beginnt er die Beschreibung der einzelnen Pflanzen. Es folgen die Raute, die Eberraute, der Flaschenkürbis, Melone, Wermut und Andorn, Fenchel, Schwertlilie, Liebstöckel und Kerbel. Weiter geht es mit der Lilie, dem Schlafmohn, dem Muskatellersalbei, der Minze, der Poleiminze und dem Sellerie. Die Betonie ist heute als Ziest oder auch Heilziest bekannter, der Aufguss als Hausmittel wird bei Durchfall, Darmbeschwerden, als Mittel zum Gurgeln und als Mundspülung bei Zahnfleischentzündungen auch heute noch verwendet. Es folgen Odermennig, Ambrosia und Katzenminze, zum Schluss noch Rettich und Rosen. 
Wer mehr über den Hortulus von Strabo wissen möchte: 1997 erschien bei Thorbecke eine Neuauflage des Buches „Der Hortulus des Walahfried Strabo“, in dem der Autor Hans-Dieter Stoffler das Gedicht Strabos interpretiert und aufbereitet hat. Das Buch beinhaltet sowohl die lateinischen Texte mit ihrer Übersetzung als auch eine zeitgemäße Besprechung der von Strabo beschriebenen Pflanzen, die sich intensiv mit dem Ursprungstext befasst. Für Liebhaber historischer Gärten ist es eine wahre Fundgrube. Momentan ist es nur antiquarisch zu bekommen, unter dem Titel „Kräuter aus dem Klostergarten“ ist der 2002 erschienene Nachfolger jedoch lieferbar.

Purpurdost

Hat man nach dieser Tour durch die Geruchswelten und die Gartengeschichte noch Zeit und Energie, so bietet sich eine Erkundung des Rosenparks an. Die einmal blühenden historischen Rosen legen einen Besuch im Juni nahe, aber die modernen Rosen blühen den Herbst hindurch noch reichlich. Auch hier kann man mit einigen Dufterlebnissen rechnen. Aber das ist ein anderes Kapitel...

Der Garten ist ganzjährig geöffnet, die Wege sind auch mit Rollstuhl gut zu befahren 
Einen Plan des Parks findet man auf der Webseite der Gemeinde Bad Wörishofen.

Buchtipp für weitere Gartenentdeckungen:  
Gartenschätze in Bayern
Von Konstanze Neubauer, erschienen bei Callwey
Herausgegeben von der Bayerischen Gartenakademie
In dem Band werden 70 Gärten von Unterfranken bis Niederbayern unter den Themen Freilandmuseum, Botanischer Garten, Kreislehrgarten, Stadtgarten und Arznei- und Heilpflanzengärten vorgestellt. Unter neun Gartenzielen in Schwaben von Nördlingen bis nach Lindau ist auf Seite 179 auch der Kurpark in Bad Wörishofen beschrieben.




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